Birgitta Weimer | visual arts

Inge Herold: Sphären

Birgitta Weimers Arbeit „Sphären“ zieht magisch an: Durch eine schmale Tür betritt man einen dunklen, schmalrechteckigen Raum, auf dem Boden zeichnen sich helle „Lichtlöcher“ ab. Von der Decke hängen sieben „Büschel“ aus schwarzen Gummischnüren herab, in deren Innerem Leuchtkörper verborgen sind: die Quelle der Lichtflecken, die den Raum scheinbar schachtartig in die Tiefe öffnen.
Vielfältige Assoziationen stellen sich beim Betrachten und Begehen der Installation ein, verbunden mit einem intensiven Wahrnehmungserlebnis, das in einen stillen Dialog zwischen Objekt und Betrachter mündet. Die „Sphären-Körper“, nur an dünnen Drähten befestigt, scheinen zu schweben, im Luftzug fangen sie sachte an sich zu bewegen, dadurch beginnen auch die Lichtflecken auf dem Boden zu tanzen, zu vibrieren. Die Körper selbst wirken in ihrer unterschiedlichen Größe wie individuelle Lebewesen, wie Fetische einer fremden Kultur, wie Gestalt gewordene Geister von Verstorbenen, oder aber wie organische Zellkörper, wie isolierte mutierte biologische Organisationsformen.
Gerade letzteres sind Assoziationen, die sich manifestieren, wenn man sich mit Birgitta Weimers Werk beschäftigt, das vom steten Dialog zwischen Kunst und Wissenschaft geprägt ist. „Besonders“, so die Künstlerin, „fasziniert mich die Ähnlichkeit von Ordnungen, d.h. Mustern, Ornamenten, Strukturen in verschiedenen Systemen, philosophischen, ethnologischen und naturwissenschaftlichen, aber auch Mikro- und Makrostrukturen.“(1)
Birgitta Weimer bezeichnet ihr Werk als intuitive Forschungsarbeit, als Parallelforschung zum Geist unserer Zeit, den sie mit verschiedenen Wahrnehmungssystemen auch früherer Zeiten in analoge Verbindung setzt.
Die Künstlerin, die vor ihrem Studium der Kunst in Hamburg Ethnologie und Anthropologie studiert hat, interessiert sich sowohl für die Geschichte als auch für Neuentwicklungen in den Naturwissenschaften. All dies fließt ein in ihre Arbeiten, die bisweilen der Biologie entstammende Titel wie „Morphogenesis“ oder „Metagenesis“ tragen und oft geradezu wie plastische Umsetzungen aus dem Bereich der Nano-Wissenschaft wirken. Weimer scheint Bilder und Formen für Erkenntnisse aus Bereichen zu finden, die sich dem menschlichen Blick üblicherweise entziehen.


Das Wort Sphäre stammt aus dem Griechischen und bedeutet Hülle, Kugel. Im Altertum war es die Bezeichnung für das Himmelsgewölbe, das als Kugeloberfläche gedacht war. Als Begriff aus Astronomie, Mathematik und Optik hat „Sphäre“ im allgemeinen Sprachgebrauch auch die Bedeutung von Gesichts- und Wirkungskreis bzw. Machtbereich.
„Sphären“ ist darüber hinaus der Titel der zwischen 1998 und 2004 entstandenen Trilogie des Philosophen Peter Sloterdijk, in der der Autor die Geschichte der Menschheit unter dem Aspekt des Zusammenlebens, des Verhältnisses von Individuum und Gesellschaft reflektiert.
Birgitta Weimer verfolgt in ihrer plastischen Arbeit ähnliche Vorstellungen, auch wenn sie erst nach Entstehung ihrer Arbeit auf Sloterdijks Publikation gestoßen ist.
Weimers Plastiken scheinen Sloterdijk´sche Begriffe wie „innenraumbildende Immunstrukturen“ und „Schwebewesen“ zu visualisieren.
Unabhängig davon stellt sich auch die Assoziation an Platons Höhlengleichnis ein, in dem der griechische Philosoph veranschaulicht, dass der Mensch im Alltag wie in einer Höhle lebt. Die Dinge, die er als real wahrnimmt, sind Platons Ideenlehre zufolge in Wahrheit nur Schatten und Abbildungen des wahren Seienden.
Birgitta Weimer liefert in ihrer Arbeit ein vielfältiges inhaltliches wie räumliches Wahrnehmungsangebot, das je nach Betrachter unterschiedlich genutzt und erlebt wird. Die Wirkungen auf emotionaler Ebene reichen von empfundener Bedrohung bis hin zu dem Gefühl der Geborgenheit und des harmonischen Aufgehobenseins im Raum. Auf intellektueller Ebene gibt Weimer einen Beitrag zum Verhältnis zwischen Mensch und Natur, sie kommentiert unser Naturverständnis vor dem Hintergrund der Entwicklung von der sogenannten ersten zur dritten Natur, das heißt von einer vom Menschen unberührten über eine kulturalisierte bis hin zu einer solchen, in der die Sphären des Künstlichen und des Natürlichen fusionieren.(2)
Auf formaler Ebene besticht ihre Installation durch eine hohe ästhetische Qualität mit meditativem Charakter.

Inge Herold
Mannheim, 5.12.2008

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(1) Zit. nach Susanne Wedewer, Sphären, Zu den Arbeiten von Birgitta Weimer, Broschüre des Kunstvereins Leverkusen und der Galerie der Stadt Tuttlingen, 2007.
(2) Vgl. Söke Dinkla, Von der ersten zur dritten Natur, in: Birgitta Weimer, Die dritte Natur, Dokumente unserer Zeit, Bd. XXVIII, hrsg. von der Galerie Dorothea van der Koelen, Mainz 2001, S.28.

Karin Stempel: HOLON

...Im Netzwerk der unterschiedlichen Systeme sind die Arbeiten von Birgitta Weimer wie Sand im Getriebe, widersprüchliche Formationen, deren Parameter über die Grenzen der Systeme hinausreichen, indem sie deren Grenzen in der Leitung und Umleitung, in der Bindung und Entbindung von Energie sichtbar werden lassen. Form ist hier immer Funktion, deren Genese ebenso wie ihre Veränderbarkeit auf impliziten dynamischen Strukturen basiert, die die Organisation von Materie und Energie regeln und ihren Spielraum bestimmen...

...Hier geht es nicht um die Institutionalisierung einer
neuzeitlichen Morphologie, sondern um Metamorphose im wahrsten Sinne des Wortes, einer Metamorphose, die durch morphische Felder Elemente zu
integralen Ganzheiten verknüpft und vereinigt auf der Basis von Rhythmen und Resonanzen, Rückkoppelungen und selbstverstärkenden Tendenzen. Jeder Schnitt ist in Birgitta Weimers Arbeiten zugleich Rapport, der die neue Form als einen generationsfähigen Pseudo-Organismus definiert....Form wird nicht abstrakt konstruiert, sondern konkret gewonnen, so dass statt einer synthetischen Synthese eine neue Form der Symbiose ahnbar wird.

Entscheidend und wegweisend ist die implizite Aussage, dass Ordnung in den verschiedenartigsten Systemen immer auf vergleichbare Weise entsteht. Mit dieser scheinbar so einfachen Feststellung entdeckt sich die eigentliche Reichweite des Bedeutungshorizonts dieser Arbeiten, der sich unwillkürlich in scheinbar so fremde Bereiche wie Physik, Biologie, Anthropologie, Ökonomie und die neuen interdisziplinären Theorien über morphische Felder und komplexe Systeme öffnet.
Das Verhältnis von Wissenschaft und Kunst ebenso wie die Beziehung zwischen den Einzeldisziplinen wird, so wie es sich im Werk von Birgitta Weimer formuliert, einem radikalen Wandel unterzogen, indem ihre partiellen und partikularen Erkenntnisse und Einsichten über das Wesen von Form zueinander in Beziehung gesetzt werden. Künstlerische Produktion und wissenschaftliche Forschung treffen sich in ihrem gemeinsamen Ursprung, der als Referent über ihren jeweiligen Stellenwert und ihre Bedeutung entscheidet – dem Bild der Wirklichkeit.

Karin Stempel, Auszug aus dem Vorwort zu Birgitta Weimer: (HOLON, 1998)



...In the network of interlocking systems, the art of Birgitta Weimer becomes a disruptive element, a set of adversary formations whose parameters extend beyond the limits of the systems by revealing their boundaries as a means of direction and re-direction, as a binding and releasing of energies. In them, form always equals function, both its genesis and variability resting on implicit and dynamic structures which govern the organization of matter and energy, determining their scope...

...Here, the aim is not to insitutionalize a modern morphology, rather, to
facilitate, in the truest sense of the word, a "metamorphosis" which, by
means of morphic fields, connects and combines elements into integral
entities on the basis of rhythm and resonance, feed-back and self-reinforcement. In Weimer's work, each incision is also an account of the new form as a pseudo-organism capable of generation...Form is not constructed in an abstract manner but obtaines with concrete means, suggesting a new form of symbiosis instead of artificial synthesis

The important – and groundbreaking – point is the implication that in dissimilar systems order emerges much in the same way. This seemingly simple observation reveals the true scope of meaning of Weimer`s works, reaching far into apparently unrelated areas such as physics, biology, economics, anthropology as well as the new interdisciplinary theories about morphic fields and complex systems.
As formulated in Birgitta Weimer`s works, the relationship between science and art, and with it all interdependencies between individual disciplines, is subject to a radical change as both their partial and particular perceptions and observations about the nature of form are linked. Artistic output and scientific research meet at their common point of departure, which, as the true referent, determines their respective significance and meaning, the image of reality.

Karin Stempel, preface to Birgitta Weimer: HOLON, 1998

Barbara Stafford: ART AS VISUAL ANALOGY

"…Art constructs a tenuous point of contact between an infinite mass of precisely firing neurons and the chaos of our monadic inner atmosphere. It makes visible both the compositional hard wiring as well as the emotional cloudiness of thought colliding with recalcitrant matter. Complex artworks themselves the incarnate demonstration of the sophisticated process of high-order cognition, go beyond the analytical issues being tackled in neuroscience laboratories…
So far nothing in chemistry, physics or biology explains the nature of this subjective experience or captures those moments of connectedness when we most vividly sense that someone is inside our heads….
Revitalizing forgotten or despised analogy, then might help us discover not only how the mind seeks out and binds clear with fuzzy arrangements, or manages to synthesize the vast quantities of chaotic data with which we are increasingly inundated, but how, time and again, it stitches our mutable, compound selves into a single self in periods of consciousness."

(Barbara Stafford: Visual Analogy. Consciousness as the Art of Connecting, p. 179, MIT-Press Cambridge MA, 1999)



"...Kunst stellt einen zarte Berührungspunkt zwischen einer unendlichen Masse präzise feuernder Neuronen und dem Chaos unserer monadischen inneren Atmosphäre her. Sie macht sowohl die kompositorische Verdrahtung als auch die emotionelle Wolkigkeit des Denkens sichtbar, die mit der aufsässigen Materie kollidiert. Komplexe Kunstwerke, selbst inkarnierte Demonstration eines ausgeklügelten Prozesses hochgeistiger Erkenntnis, gehen über die analytischen Sachverhalte heraus, die in neurowissenschaftlichen Laboratorien untersucht werden....
Bis jetzt erklärt nichts aus Chemie, Physik oder Biologie die Natur dieser subjektiven Erfahrung oder fängt jene Momente von Verbundenheit ein, in denen wir äußerst intensiv erleben, dass jemand in unserem Kopf zuhause ist...
Die vergessene oder verachtete Analogie wieder zu beleben, könnte uns nicht nur helfen zu entdecken, wie das Bewusstsein auswählt und verschwommene Arrangements klärt, oder wie es die riesigen Mengen chaotischer Daten, mit denen wir zunehmend überschüttet werden, synthetisiert, sondern wie es immer wieder unser veränderliches, zusammengesetztes Selbst in Perioden des Bewusstseins in ein einziges zusammen setzt."

(Barbara Stafford: Visual Analogy. Consciousness as the Art of Connecting, S. 179, MIT-Press Cambridge MA, 1999)

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