Birgitta Weimer | visual arts

Morphogenesis

die Entstehung von Form; in der Biologie: Form und Struktur eines Organismus oder eines Tels eines Organismus, Differenzierung und Wachstum von Geweben und Organen während ihrer Entwicklung

Die Werkgruppe Morphogenesis (2003-2005) stellt die Frage nach der Entstehung von Form als fundamentale Frage in der bildenden Kunst. Morphogenesis wird seit 2003 künstlerisch in drei Medien bearbeitet, einer Reihe von Tuschezeichnungen auf diversen Schichten Transparentpapier, dreidimensional in Wandobjekten aus Acrylglas und Vinnylan und ganz aktuell medial in einer auf den Zeichnungen basierenden Computeranimation. Ausgangspunkt bilden rote geschwungene Tuschelinien, die einen imaginären Kreis durchziehen und immer neue Netzwerke unterschiedlicher Anmutung und Dichte hervorbringen. Die Zeichnungen zu Morphogenesis sind mit Zahlenfolgen wie z.B. 14/40/34/50 -01 betitelt. Sie bezeichnen die Anzahl der übereinander liegenden Blätter Transparentpapier und die der jeweiligen Berührungen der Linien mit dem Kreisradius. Darüber hinaus weisen sie auf das allen komplexen Strukturen zugrunde liegende Ordnungsprinzip der Binarität hin.

In der Animation Morphogenesis (2005) werden die durch ihre diversen mehr oder weniger durchscheinenden Schichten dreidimensional wirkenden Zeichnungen durch "Morphing" in einen Zustand des ständigen Übergangs gebracht. Es entsteht ein sich ganz langsam veränderndes komplexes Geflecht, das an neuronale Netze, Blutadern oder auch an elektronische Impulse erinnert. Ein ebenso extrem verlangsamter und verdunkelter Herzton fungiert als Taktgeber. Die Animation wirkt sich unmittelbar beruhigend auf die körperliche Befindlichkeit des Zuschauers aus und vertieft seine Wahrnehmung.

Morphogenesis steht im Kontext der Arbeiten der letzten Jahre, die sich als visuelle Analogien zwischen Kunst und Wissenschaft verstehen.

TRANSFUSIONEN 1998 - 2003

1998 TRANSFUSION I
Installation zum Projekt Brückengang der Stadt Köln
PVC-Schläuche, rot gefärbte Flüssigkeit, Licht
Containermaß: 640 x 240 x 280 cm


2001 TRANSFUSION II
Installation für das Wilhelm-Lehmbruck-Museum Duisburg
transluzentes Vinnylan, Licht, variable Dimensionen.

Während in TRANSFUSION I im Außenraum ein Container als technoider Körper benutzt wird, wird in TRANSFUSION II im Museum ein Raum geschaffen, der nicht als Körper in Erscheinung tritt.

Die Installation TRANSFUSION II spielt mit dem Verhältnis von innen und außen, indem sie uns - als Körper in einem Raum - durch einen Einschnitt in die Wand - als Haut des Raums - in ein „Inneres“ blicken läßt. In beiden Fällen wird uns Einblick in einen nicht betretbaren rot beleuchteten Innenraum gewährt, aus dem sich ein dichtes Bündel von rot-transparenten Schläuchen wie eine Welle direkt auf uns hin zu bewegen, ja uns zu durchdringen scheint. Wir assoziieren Blutbahnen im Innenraum eines organischen Körpers, aber auch Leitungen eines technologisches Speicherzentrums, fühlen uns an einen Pseudoorganismus angeschlossen, der uns mit Energie versorgt. Gleichzeitig tritt durch die Überdimensionalität der Transfusion ein Moment der Angst ein, von dieser sintflutartigen Welle überrollt zu werden.

Marshall McLuhan bezeichnete in den sechziger Jahren die weltweite Vernetzung durch Datenbahnen euphorisch als Fortsetzung der Vernetzungen von Blut- und Nervenbahnen im menschlichen Körper. Heute herrscht trotz des vielstimmigen Optimismustrainings der Werbeindustrien eher Angst in der auf uns zukommenden Cybersintflut. Die Technologie bemächtigt sich tatsächlich mehr und mehr des menschlichen Körpers, ja sie wird zu einem Bestandteil des Körpers. In seinem Buch „Die Eroberung des Körpers“ (München 1994) sieht Paul Virilio eine Entwicklung heraufziehen, in der der menschliche Körper von der Zelle bis zum Gehirn durch synthetische Organismen kolonisiert wird. „Weil man unserer natürlichen Biosphäre nicht entkommt, kolonisiert man – wie schon so oft – einen unendlich viel leichter zugänglichen Planeten, den des seelenlosen Körpers; der entweihte Körper für eine gewissenlose Wissenschaft, die immer schon den Raum des tierischen Körpers entweiht hat, genauso wie den des Sklaven oder des Kolonisierten der früheren Königreiche.“ (a.a.O., S. 124). Die vollkommene Technisierung des menschlichen Körpers wäre mit dem Ende der Evolution gleichzusetzen.
Evanston, den 23.8.2001 Birgitta Weimer

While in TRANSFUSION I, in a public space, a container is used as a technoid body, in TRANSFUSION II a space that cannot be perceived as a body is created inside a museum.

The installation TRANSFUSION II plays on the relation of inside and outside by allowing us – as body inside the space – to look into an “inside” through an incision in a wall – the space’s skin. In both cases, we are granted an insight into an inaccessible, red-lit inner space, from which a tight bundle of red-transparent tubes seems to moving directly towards us, even to penetrate us. We associate bloodstreams inside an organic body, but also cable of a technological memory centre, feel connected to a pseudo-organism that supplies us with energy. At the same time, caused by the over-dimensionality of the transfusion, an element of fear arises, a fear to be overrun by this torrential wave.

In the sixties Marshal McLuhan described the worldwide networking by databanks euphorically as continuation of the network of bloodstreams and nerves inside the human body. Today, in spite of the many-voiced training in optimism by the advertising industry, there is rather fear of the Cyber Flood approaching us. In fact, technology takes more and more hold of the human body, even becomes part of the body. In his book “The Conquest of Body” (Munich, 1994), Paul Virilio envisions a development in which the human body – from cell to brain – is colonized by synthetic organisms. “Because one cannot escape our natural biosphere, one colonizes – as often done before – an infinitely easier accessible planet, that of the soulless body: the desecrated body for an unscrupulous science, which has been always been desecrating animal bodies, just as that of the slave or the colonized of the earlier kingdoms.” The entire technization of the human body would be the end of the evolution.
Birgitta Weimer, Evanston, August 23rd, 2001


2003 TRANSFUSION III
Installation für das Klinikum Duisburg
transluzentes Vinnylan, Licht, variable Dimensionen

Die Transfusion III bezieht ihren Titel direkt aus der Medizin, und tatsächlich wird die Frage nach der Beziehung zwischen Mensch und Technik in den neuesten Entwicklungen der Biotechnologie und der regenerativen Medizin wieder aufgeworfen und führt zu fundamentalen Diskussionen über unser Weltbild – siehe die Diskussionen über das Klonen und die Erzeugung von Stammzellen.

Die Transfusion III wird (und soll) Fragen aufwerfen, Fragen über den Sinn und Unsinn von „zwecklosen“ Räumen, die mit roten Schläuchen gefüllt sind, aber auch Fragen über Körperlichkeit und Technologie, die sich in einer hoch technisierten Klinik besonders aufdrängen. Und dann vielleicht noch die Frage, welche Art von geistiger Transfusion wir benötigen, um den komplexen Anforderungen der Gegenwart zu begegnen...

HOLON

...Im Netzwerk der unterschiedlichen Systeme sind die Arbeiten von Birgitta Weimer wie Sand im Getriebe, widersprüchliche Formationen, deren Parameter über die Grenzen der Systeme hinausreichen, indem sie deren Grenzen in der Leitung und Umleitung, in der Bindung und Entbindung von Energie sichtbar werden lassen. Form ist hier immer Funktion, deren Genese ebenso wie ihre Veränderbarkeit auf impliziten dynamischen Strukturen basiert, die die Organisation von Materie und Energie regeln und ihren Spielraum bestimmen...

...Hier geht es nicht um die Institutionalisierung einer
neuzeitlichen Morphologie, sondern um Metamorphose im wahrsten Sinne des Wortes, einer Metamorphose, die durch morphische Felder Elemente zu
integralen Ganzheiten verknüpft und vereinigt auf der Basis von Rhythmen und Resonanzen, Rückkoppelungen und selbstverstärkenden Tendenzen. Jeder Schnitt ist in Birgitta Weimers Arbeiten zugleich Rapport, der die neue Form als einen generationsfähigen Pseudo-Organismus definiert....Form wird nicht abstrakt konstruiert, sondern konkret gewonnen, so dass statt einer synthetischen Synthese eine neue Form der Symbiose ahnbar wird.

Entscheidend und wegweisend ist die implizite Aussage, dass Ordnung in den verschiedenartigsten Systemen immer auf vergleichbare Weise entsteht. Mit dieser scheinbar so einfachen Feststellung entdeckt sich die eigentliche Reichweite des Bedeutungshorizonts dieser Arbeiten, der sich unwillkürlich in scheinbar so fremde Bereiche wie Physik, Biologie, Anthropologie, Ökonomie und die neuen interdisziplinären Theorien über morphische Felder und komplexe Systeme öffnet.
Das Verhältnis von Wissenschaft und Kunst ebenso wie die Beziehung zwischen den Einzeldisziplinen wird, so wie es sich im Werk von Birgitta Weimer formuliert, einem radikalen Wandel unterzogen, indem ihre partiellen und partikularen Erkenntnisse und Einsichten über das Wesen von Form zueinander in Beziehung gesetzt werden. Künstlerische Produktion und wissenschaftliche Forschung treffen sich in ihrem gemeinsamen Ursprung, der als Referent über ihren jeweiligen Stellenwert und ihre Bedeutung entscheidet – dem Bild der Wirklichkeit.

Karin Stempel, Auszug aus dem Vorwort zu Birgitta Weimer: (HOLON, 1998)



...In the network of interlocking systems, the art of Birgitta Weimer becomes a disruptive element, a set of adversary formations whose parameters extend beyond the limits of the systems by revealing their boundaries as a means of direction and re-direction, as a binding and releasing of energies. In them, form always equals function, both its genesis and variability resting on implicit and dynamic structures which govern the organization of matter and energy, determining their scope...

...Here, the aim is not to insitutionalize a modern morphology, rather, to
facilitate, in the truest sense of the word, a "metamorphosis" which, by
means of morphic fields, connects and combines elements into integral
entities on the basis of rhythm and resonance, feed-back and self-reinforcement. In Weimer's work, each incision is also an account of the new form as a pseudo-organism capable of generation...Form is not constructed in an abstract manner but obtaines with concrete means, suggesting a new form of symbiosis instead of artificial synthesis

The important – and groundbreaking – point is the implication that in dissimilar systems order emerges much in the same way. This seemingly simple observation reveals the true scope of meaning of Weimer`s works, reaching far into apparently unrelated areas such as physics, biology, economics, anthropology as well as the new interdisciplinary theories about morphic fields and complex systems.
As formulated in Birgitta Weimer`s works, the relationship between science and art, and with it all interdependencies between individual disciplines, is subject to a radical change as both their partial and particular perceptions and observations about the nature of form are linked. Artistic output and scientific research meet at their common point of departure, which, as the true referent, determines their respective significance and meaning, the image of reality.

Karin Stempel, preface to Birgitta Weimer: HOLON, 1998

ART AS VISUAL ANALOGY

"…Art constructs a tenuous point of contact between an infinite mass of precisely firing neurons and the chaos of our monadic inner atmosphere. It makes visible both the compositional hard wiring as well as the emotional cloudiness of thought colliding with recalcitrant matter. Complex artworks themselves the incarnate demonstration of the sophisticated process of high-order cognition, go beyond the analytical issues being tackled in neuroscience laboratories…
So far nothing in chemistry, physics or biology explains the nature of this subjective experience or captures those moments of connectedness when we most vividly sense that someone is inside our heads….
Revitalizing forgotten or despised analogy, then might help us discover not only how the mind seeks out and binds clear with fuzzy arrangements, or manages to synthesize the vast quantities of chaotic data with which we are increasingly inundated, but how, time and again, it stitches our mutable, compound selves into a single self in periods of consciousness."

(Barbara Stafford: Visual Analogy. Consciousness as the Art of Connecting, p. 179, MIT-Press Cambridge MA, 1999)



"...Kunst stellt einen zarte Berührungspunkt zwischen einer unendlichen Masse präzise feuernder Neuronen und dem Chaos unserer monadischen inneren Atmosphäre her. Sie macht sowohl die kompositorische Verdrahtung als auch die emotionelle Wolkigkeit des Denkens sichtbar, die mit der aufsässigen Materie kollidiert. Komplexe Kunstwerke, selbst inkarnierte Demonstration eines ausgeklügelten Prozesses hochgeistiger Erkenntnis, gehen über die analytischen Sachverhalte heraus, die in neurowissenschaftlichen Laboratorien untersucht werden....
Bis jetzt erklärt nichts aus Chemie, Physik oder Biologie die Natur dieser subjektiven Erfahrung oder fängt jene Momente von Verbundenheit ein, in denen wir äußerst intensiv erleben, dass jemand in unserem Kopf zuhause ist...
Die vergessene oder verachtete Analogie wieder zu beleben, könnte uns nicht nur helfen zu entdecken, wie das Bewusstsein auswählt und verschwommene Arrangements klärt, oder wie es die riesigen Mengen chaotischer Daten, mit denen wir zunehmend überschüttet werden, synthetisiert, sondern wie es immer wieder unser veränderliches, zusammengesetztes Selbst in Perioden des Bewusstseins in ein einziges zusammen setzt."

(Barbara Stafford: Visual Analogy. Consciousness as the Art of Connecting, S. 179, MIT-Press Cambridge MA, 1999)

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